Seppo bloggt

Mehr als 500.000 Leser

seppolog heißt der Blog, mit dem ich inzwischen mehr als 500.000 Menschen erreiche. In einer Mischung aus „Seppo“ und „Monolog“ verfasse ich seit Mai 2015 pro Monat im Schnitt rund 27 Artikel à 900 bis 2.000 Wörter, die sich mit vielfältigen Themen des Alltags sowie meiner Person und meinen Mitmenschen innerhalb dessen auseinandersetzen. Ironie, gnadenlose Selbstüberhöhung und Sarkasmus spielen dabei eine nicht unerhebliche Rolle und sind Teil des Spiels mit dem online-affinen Adressaten.

Inzwischen hat sich dabei ein beachtliches Figuren-Universum entwickelt: vom mürrischen Nachbarn Herrn Fahrgescheit über die nervtötende Nachbarin Rudine (in Anlehnung an eine real existierende Nachbarin) bis hin zum wunderlichen Merugin, der keine Geschichte körperlich unversehrt übersteht. Letztlich spiele ich derweil mit rund 20 Figuren.

Mehr als weitere 25.000 Menschen erreiche ich mit meinem zweiten Blog, einem special interest blog, wenn man so will, das sich an Sportler im Allgemeinen und Läufer im Besonderen richtet:

In der Laufeinheit habe ich zwei meiner Hobbys miteinander verknüpft: Ich schreibe über das Laufen. Dabei habe ich gelernt, dass es zwar schwierig ist, zwei so unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen, wie beide Blogs sie jeweils mit sich bringen, aber durchaus machbar! Daraus ergaben sich im Laufe der Zeit Synergieeffekte, die ich auf und mittels Facebook, Instagram und Co. ausweiten bzw. entfalten konnte. Die Verzahnung mehrerer Medien unter einer Corporate Identity ohne die Zielgruppen aus den Augen zu verlieren, ist die Köngisklasse des social webs! Und die Fachpresse, die hat’s zu würdigen gewusst:

 

Die Idee

Die Initialzündung zum Start eines eigenen Autorenblogs kam mir im Mai 2015 regelrecht aus dem Nichts, nachdem ich allerdings schon längere Zeit mit ihr schwanger gegangen war, aber immer daran gezweifelt hatte, dass irgendein Erdenmensch meine Texte würde lesen wollen. Moderatoren-Kollegen habe ich mit viel zu langen Texten mitunter genervt, sodass ein Auslagern des Schreibens in ein geeigneteres Medium offenbar angezeigt war, zumal ich schon seit Kindertagen Unmengen an Texten produziere. Und auch an dieser Stelle gelingt es mir nicht, mich kurzzufassen.

Um herauszufinden, ob irgendwer meine Ergüsse lesen möge, musste ich es ausprobieren – schon nach wenigen Wochen stellte sich ein unerwarteter Erfolg ein mit einer Resonanz, die völlig überraschend für mich kam, mich aber heute noch motiviert weiterzumachen: So sind inzwischen mehr als 700 Texte entstanden. Hinter dem seppolog steckt die so naheliegende wie auch abgedroschene Erkenntnis, dass gerade der Alltag die besten Geschichten schreibt und gespickt ist mit humoristischen Situationen, die in ihrer Überspitzung dargestellt für mehrere tausend Besucher am Tag offenbar lesenswert sind. Kern des Blogs ist die Vielseitigkeit der Themen, ohne dass er beliebig ist: Humoriges steht neben Traurigem, auch Tragisches findet seinen Platz. Ausführlicher werde ich hier, im Blog selbst.

Die Erkenntnis

Die Blogs haben für mich zwei wichtige Funktionen. Zum einen die vordergründige: das Schreiben und das Gelesenwerden. Viel wichtiger für mich als für den Leser ist jedoch zum anderen die Erkenntnis, die ich beim Aufbau des Blogs mit seiner überdurchschnittlichen Reichweite gesammelt habe. Manchmal muss man die Ideen, die man hat, die aber im Umfeld belächelt werden, gegen alle Zweifel und Skepsis durch- und umsetzen. Denn wenn auch nicht immer, wird der dafür erforderliche Mut doch oftmals belohnt. Das seppolog ist kein professioneller Blog, dennoch bedeutet die Umsetzung einer Textidee vom Schreiben bis hin zur Veröffentlichung inklusive Verbreitung enorme Arbeit, bei der das eigentliche Schreiben den kleinsten Anteil hat. Das nach mehr als 700 veröffentlichten Texten noch immer als Ich-AG bewältigen zu können, macht mich nicht ganz unstolz. Es lohnt, für seine Ideen zu arbeiten.

Der Podcast

Im Mai 2016 ergänzte ich das seppolog um einen Audio-Podcast, der inzwischen eine dreistellige Hörerzahl hat und bei iTunes wie auch Soundcloud publiziert wird. Besonders bei iTunes erfreut er sich einer großen Zahl von Abonnenten. seppolog_HÖRBAR bietet inzwischen mehr als 120 Blogartikel in gelesener Form.

Die Leserschaft

Das Gros meiner Leser des seppologs ist weiblich, ich sollte also zumindest in diesem Abschnitt von Leserinnen sprechen, um dem gerecht zu werden. Dabei fühlen sich alle Altersklassen angesprochen; es lesen die junge und die ältere Generation. Die Leserinnen (und auch die Leser) verfügen über ein gehobenes Bildungsniveau, schreiben meist selbst gerne und schätzen die Kulturtechnik des Lesens auch längerer Texte.

Ganz anders die Leserstruktur der Laufeinheit. Hier lesen überwiegend Männer, die in aller Regel selbst dem Sport nahestehen.

Die Leseprobe

Der Artikel Neues Leben als Veganer erschien am 14.02.2016 und ist der mit Abstand am meisten geklickte. Ihn stelle ich hier als Leseprobe zur Verfügung, verweise aber auch auf meinen persönlichen Favoriten, den Artikel Der zähe Tod, immerhin auf Platz acht meiner meist gelesenen. Hier als Hörprobe des Podcasts:

 

Neues Leben als Veganer

Man spricht – natürlich nicht aus inhaltlichen Gründen – hierzulande ja nicht mehr von Essen, sondern von „Food“. Weil es selbstverständlich cooler ist. Und so gibt es auch zahlreiche „Food-Blogs“, während mein Lieblings-Lebensmittelgeschäft in Düsseldorf auch schlicht „Food“ heißt. „Food“ drückt aber auch bereits eine ganz neue Kultur um das Essen aus, die man sich in einer Gesellschaft dann leisten kann, wenn man keine anderen Probleme hat, die wir allerdings wieder zunehmend bekommen. Doch bis es soweit ist, bin ich vor einiger Zeit für 24 Stunden auf diesen Zug aufgesprungen. Denn ich wollte dazugehören. Dazu später mehr.

Zunächst einmal ist es sehr wichtig, dass man mindestens eine  Lebensmittelunverträglichkeit an sich selbst diagnostiziert. Einen Arzt benötigt man zu diesem Zwecke nicht mehr, da man alles nachlesen kann. Und man hört ja so viel! Und ja, jetzt, da ich darüber nachdachte und überdies viel dazu las, wurde mir klar: Ich bin laktoseintolerant. Klarer Fall. Irgendwie vertrage ich Milch auch nicht. Ich hab‘ immer gewusst, dass da etwas nicht stimmen kann. Zu meinem Glück kann ich ab sofort überteuerte Produkte kaufen, die mit Laktose-Absenz werben. So ein „minus L“ macht sich auf Verpackungen ohnehin ganz gut und wenn man diese kauft, kommt man schnell mit Gleichgesinnten am Lebensmittelregal ins Gespräch:

„Sie auch laktoseintolerant?“

„Ja, schlimmer Durchfall.“

„Schon immer?“

„Erst, als ich darüber gelesen hab‘.“

Laktoseintoleranz gibt es und ist auch sicherlich kein schönes Leiden, doch können die meisten derer, die sich für betroffen halten, Laktose durchaus vertragen. Es ist (auch!) eine Mode-Erscheinung, laktoseintolerant zu sein, es ist hip.

Der Begriff „Food“ transportiert einen ganz neuen Umgang mit Nahrungsmitteln. Einen, den ich absolut ablehne. Es wird nicht mehr um des Essens willen gegessen, sondern es wird ein überzogener Kult daraus gemacht. Natürlich, Essen war schon immer Kultur, das Kochen eine Kulturtechnik, aber jeder ist plötzlich Experte auf dem Gebiet des Foods und jeder kennt folgende Verhaltensregeln, die er gerne ungefragt bei jeder Gelegenheit weitergibt:

  • Nie nach 18.00 Uhr essen!
  • Schon gar nicht Kohlenhydrate!
  • 20 Minuten lang essen, länger nicht!
  • Und alles 20 Mal kauen!
  • Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages!
  • Lieber viele kleine Snacks statt Hauptmahlzeiten!
  • Ballaststoffreich essen!
  • Einfach und mehrfach ungesättigte Fettsäuren zu sich nehmen!
  • Kein Salat, keine Rohkost am Abend!
  • Zwei Liter Wasser trinken!

Bla. Es wird zerredet, jeder wiederholt unreflektiert, was gerade Trend ist und überall geschrieben wird ungeachtet dessen, dass in zwei Jahren das jeweils Gegenteilige geschrieben wird. Gerade die Zwei-Liter-Wasser-Regel hat überhaupt keinen Hintergrund, irgendwann wurde diese Zahl willkürlich festgelegt. Schon lange überholt, wird sie noch immer propagiert. Ich selber trinke übrigens, ohne dass ich groß darauf achte, deutlich mehr als zwei Liter Wasser.

Wer abnehmen möchte, sollte einfach mal weniger essen. Der (ungenaue) Kalorienwert ist das Entscheidende. Zumindest für mich. Wenn ich vor dem Schlafengehen noch gerne ein Pfund Kartoffeln essen will, dann tue ich das, wenn ich meinen Grundumsatz an Kalorien nicht übertreffe.

Wenn ich esse, esse ich das, wonach mir gerade ist und denke nicht über ungesättigte Fettsäuren oder Farben des Essens nach. Bei mir hat Essen zum Glück noch mit Geschmack und Genuss zu tun. Wenn ich meine, wie gestern um 22 Uhr, noch Burger und Pommes essen zu müssen, dann tue ich das, ohne mich dabei schlecht zu fühlen. Weil es schmeckt. Frühstück gibt es bei mir nur an den Wochenenden, da es dann so etwas wie ein Ritual meiner Mitbewohnerin und mir ist, unter der Woche habe ich einfach mal keinen Hunger morgens. Ich esse meist erst gegen Abend das erste Mal am Tage überhaupt und viele Mitmenschen haben mir bereits den nahen Tod prognostiziert. Ich missioniere niemanden mit meinem Ess-Verhalten, ich werde stets von den anderen darauf angesprochen und muss mich immer wieder erklären. Nein, es ist kein Prinzip von mir, das geschieht einfach, weil ich dann esse, wenn ich Hunger habe. Essgestört wurde ich auch bereits genannt, was ich für eine gewagte These halte. Mein Gewicht ist bis auf weihnachtliche Ausrutscher erschreckend konstant, meine Blutwerte sind ein Knaller. Auf die Signale des Körpers hören? Tue ich. Er sagt: „Bloß nicht frühstücken!“

Jeder darf natürlich essen, was er will. Und natürlich darf jeder auch einen Kult und groß Aufhebens um seine Ernährung machen und seine Mitmenschen damit behelligen. Ich beobachte aber oft und schmunzelnd, wie viele inzwischen völlig verkrampfen in ihrer Ernährung, weil sie versuchen, möglichst vielen Regeln, die sich ja gerne mal widersprechen, zu folgen. „Smoothies“ sind derzeit im Trend, auch ich hab‘ mir die Dinger schon gekauft, denn sie schmecken ja mitunter durchaus köstlich. Aber sie sind aberwitzig, denn es ist natürlich viel einfacher, beispielsweise einen Apfel und eine Banane zu essen, statt beide vorher zu pürieren. Zudem sind diese Trendgetränke, die ja irgendwie keine Getränke sind, unfassbare Kalorienbomben. Ich esse ja nur Kalorien aus der Region.

Chia-Samen werden gerade in Brote eingearbeitet, weil viele sie für gesünder halten, als sie sind und bereit sind, dafür mehr zu zahlen, was die Industrie – wer will es ihr verübeln?! – gerne aufgreift. Ein wissenschaftlicher Nachweis steht aus, aber die Maya schworen ja schon darauf, dann muss es stimmen. Mit den Maya kann man ja alles begründen. Ich erzähle demnächst einfach, dass schon die Maya nur abends gegessen haben, dann bin ich rehabilitiert. Den Bäckern kommt der Chia-Trend übrigens gerade Recht, da der Eiweißbrot-Trend bereits abflaut, sodass es eines neuen bedarf.

Seit einigen Jahren fühle ich mich zunehmend von Veganern bedroht. Über Vegetarier spricht man erst gar nicht mehr, diese unentschlossene und inkonsequente Daseinsform überspringt, wer etwas auf sich hält direkt und steigt aus der Nahrungskette aus. Ich habe den Test gewagt und ernährte mich 24 Stunden vegan. Das Protokoll eines Selbstversuches:

06.00 Uhr – Der Tag beginnt

Ich stehe auf und ahne, dass der Tag nicht leicht wird. Freue mich, dass ich ohnehin nicht frühstücke, aber ein Schnitzel außer der Reihe und frisch eingeflogen vom anderen Ende der Welt könnte ich jetzt durchaus vertragen. Ich werde nervös. Und gehe in die Küche, wo meine Mitbewohnerin ein Brot mit Schinken isst. Ich als Veganer fühle mich dadurch angegriffen und pöble sie an:

„Der Schinken ist aber hoffentlich aus der Region, oder?! Mörder!“

„Mörderin!“

So sind sie, die Fleischesser, sie wissen um ihre Sünden, sind aber schwach. Ich beschließe, sie zu missionieren oder den Kontakt abzubrechen. Es widert mich an, wie sie genussvoll in das mit Fleisch belegte Brot beißt. Kein Mensch mehr, eine Bestie. Ich erkenne sie kaum wieder.

09.00 Uhr

Meine Mitbewohnerin ist aus dem Haus. Ich gehe zum Kühlschrank, begutachte den Vorrat an Schinken. Er verbreitet einen feinen Duft von industriell gefertigtem Fleisch. Werde ich schwach? Breche ich den Test jetzt schon ab? Nein, ich bleibe standhaft und trinke einen Schluck Olivenöl. Jetzt ein Stück Käse dazu! Aber auch das verbietet sich mir in diesem einzigartigen Selbstversuch. Ich leere die Flasche Öl.

10.00 Uhr

Habe den Eindruck, dass mir Vitamin B12 fehlt. Ich logge mich bei Facebook ein und kontaktiere Lara, Freundin und Nachbarin.

moin lara! es geht mir nicht gut.

was ist los?!

ich lebe vegan.

seit wann?

seit gestern abend. nichts tierisches. krass, oder?

merkst du schon was?

ja, ich merke, dass mein krebsrisiko bereits verringert ist. aber ich habe mangelerscheinungen. hast du ein schwein da? ich komme am besten sofort hoch!

Ohne eine Einladung ihrerseits abzuwarten gehe ich zwei Etagen höher, wo Lara residiert. Sie steht bereits an der Tür und ist völlig aufgelöst, weil sie glaubt, ich hätte den Verstand verloren, was ich aus ihrer ersten Frage herauslas:

„Hast du den Verstand verloren?“

„Nein, nein. Nur Mangelerscheinungen. Ich esse kein Fleisch mehr. Nicht einmal aus der Region. Hast du ein Schwein oder ein Rind bei dir?“

„Wie kommst du darauf? Nein. Ein lebendes?!“

„Ob tot oder lebendig, egal. Ich breche den Test ab.“

„Welchen Test?! Seppo, ich hab‘ jetzt keine Zeit.“, sagt sie sichtlich verängstigt ob meines schweißgebadeten Angesichts. Also gehe ich wieder zurück und beschließe, erst einmal laufen zu gehen, um mich abzulenken. Vermutlich ist das nur die erste krasse Entzugsphase. Werde ich überhaupt die körperliche Kraft für einen anständigen Dauerlauf aufbringen können?!

11.00 Uhr

Schon seit 13 Stunden ohne tierische Produkte. Wie gerne hab‘ ich früher Eier gegessen. Sogar roh! Und aus hühnerfreundlichster Haltung! Was gäb ich für ein Ei. Für ein Huhn! Für eine Hühnersuppe. Mit Eierstich! Ich laufe an einer Kuhweide vorbei. Bleibe stehen. Ja, da grasen sie, die Kühe und Rinder, die sich extra für mich aufgehübscht haben. Prachtvolle Hinterteile sehe ich, starke Schinken. Weit und breit niemand zu sehen. Wenn ich jetzt einfach herzhaft zubeißen würde? Ob verarbeitet oder roh – es ist mir egal. Hauptsache Fleisch. Aber zuerst melke ich sie. Erst melken, dann essen. Ist es denn moralisch verwerflich, die lebende Kuh zu essen? Ja, vermutlich. Ich müsste das Tier erst human erschlagen und dann mich zu den Gedärmen durchknabbern. Wikinger-Schach ist Kubb, denke ich völlig zusammenhangslos und verwickle das Tier, das direkt am Zaun vor mir steht, in ein unverfängliches Gespräch:

„Hallo! Du bist vermutlich eine Milchkuh?“

„Ja.“

„Schon mal daran gedacht, dass man aus deinem Fell wärmende Pantoffeln machen könnte?“

„Nein.“

Ein Bulle kommt zu uns und fragt bedrohlich:

„Gibt es hier ein Problem?“

Ich: „Nein, alles in bester Ordnung. Wir unterhalten uns nur.“

Kuh: „Er will Pantoffeln aus mir machen.“

Ich: „Und dich könnte ich essen. Lecker Rind. Hack geht ja irgendwie immer.“

Bulle: „Du solltest jetzt gehen. Wir mögen hier keine Fremden.“

13.00 Uhr

Völlig geschwächt komme ich wieder zuhause an. Diese verdammte Blutarmut! Das ist der Eisenmangel. Mein Körper baut ab. Aber mir hilft, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Ich beschließe, mich ins Auto zu setzen und meinen Kumpel Hercules zu belästigen. Diesen Eier fressenden Bodybuilder. Als er mir die Tür öffnet:

„Hey Seppo! Komm‘ rein, ich mache gerade Omelette!“

„Du Schwein!“

„Was?!“

„Was würdest du sagen, wenn ich die Eier deiner Freundin essen würde? Niemand hat das Recht, irgend jemandes Eier, nein, irgend jemandens Eier … also die Eier von irgend jemandem zu stehlen und zu essen!“

„Ich habe sie nicht gestohlen, ich habe sie bezahlt! Und da ich schwul bin, habe ich auch keine Freundin, deren Eier du essen könntest. Was ich übrigens sehr widerlich finde!“

„Ja, der Vergleich hinkt irgendwie. Aber wenn du ein Huhn als Haustier hättest und jeder käme hier vorbei und würde die Eier deines Huhns, nein, warte, wenn du eine Kuh hier halten würdest mit einem Kalb und alle kämen hier vorbei und würden dem Kalb die Milch wegmelken, dann … und das Huhn steht da ohne Ei und brütet dummnaiv weiter.“

„Du redest so wirr, Seppo. Hast du heute noch kein Fleisch gegessen?! Ich hab‘ Steaks da.“

„Aus der Region?“

„Aus einer argentinischen Region, ja.“

Wortlos drehe ich mich um und gehe. Mit so einer Bestie will ich nichts mehr zu tun haben.

16.00 Uhr

Nachdem ich mir bei McDonald’s noch einen „McVeggie TS“ geholt hatte, weil ich meinen geliebten „McRösti“ während meines großen Selbstversuches nicht essen darf, komme ich völlig kraftlos zuhause an und esse eine meiner Zimmerpflanzen. Moralisch okay, denn es handelte sich um eine fleischfressende Pflanze.

18.00 Uhr

Zurück aus der Notaufnahme mit dem Rat des Arztes, keine exotischen Zimmerpflanzen mehr zu essen, treffe ich auf meine Mitbewohnerin, die Frikadellen mitgebracht hat.

„Wir hatten heute ’ne Geburtstagsfeier im Büro, es gab Frikadellen. Ich hab‘ ein paar mitgehen lassen.“

Ich erkenne sie kaum wieder und wende mich ab, wie ich mich heute schon von so vielen abgewandt habe. Nehme die Platte mit den Frikadellen und schmeiße sie aus dem Fenster.

„Was soll das?! Du hättest sie wenigstens der Pflanze geben können!“

„Pflanzentechnisch hat sich die Situation etwas geändert. Kamen die Frikadellen wenigstens aus der Region?!“

Ich schließe mich im Schlafzimmer ein und ramme meinen Kopf gegen die Wand, bis das Blut spritzt. Noch vier Stunden ohne Fleisch liegen vor mir.

20.00 Uhr

Ich bedanke mich bei meiner Mitbewohnerin für den Kopfverband, der etwas eng sitzt, und gemeinsam schauen wir bei „Netflix“ eine Doku über Fleischverarbeitung. Ich bin ganz ernsthaft angewidert angesichts der Bilder, die ich dort sehe. Leider zeigen sie aber auch immer wieder zubereitetes Fleisch jener Tiere, die unter verwerflichsten Umständen, was ich hier ganz ernst meine, umgebracht worden sind. Ich bekomme Appetit auf ein saftiges Stück Fleisch, zu „functional food“ mit Antibiotika an Bord verarbeitet. Ich blicke meine Mitbewohnerin an und empfinde Fleischeslust. Aber nicht jene Fleischeslust, die sie zu Freudenschreien veranlasst, sondern die Lust, sie zu essen. Ist Kannibalismus vielleicht der Ausweg für Veganer? Ich beiße ihr in den Arm.

„Seppo, jetzt nicht.“

„Wie, jetzt nicht?! Jetzt nicht essen?!“

„Wir essen keine Menschen, nur Tiere.“

„Stellen wir uns über das Tier?“

„Ja, vermutlich. Alles andere wäre jetzt scheinheilig.“

Sie ist Kampfsportlerin und versetzt mir einen gezielten Schlag ins Gesicht. Ich schlafe einen tiefen Schlaf und träume vom Leben als Rind. Ein kräftiger Mann kommt auf mich zu und setzt das Bolzenschussgerät an meine Stirn. Ich werde ein Schnitzel.